Achillessehne, Plantarfasziitis & Läuferknie: Die Rolle des Gleichgewichtssystem beim Laufen

Achillessehne, Plantarfasziitis & Läuferknie: Die Rolle des Gleichgewichtssystem beim Laufen

Eine Person joggt einen sonnenbeschienenen Waldweg entlang, der von herbstlichen Bäumen gesäumt ist, goldene Blätter bedecken den Boden und das Sonnenlicht fällt durch die Äste.

Warum ein unterschätztes Sinnessystem eine Rolle bei Überlastungsproblemen spielen kann

Laufen gilt als eine der natürlichsten Bewegungsformen des Menschen. Dennoch kämpfen viele Läufer regelmäßig mit Überlastungsproblemen – etwa am Knie, an der Achillessehne, an der Plantarfaszie oder im Bereich der Schienbeine. Die Ursachen werden häufig in Trainingsfehlern, Schuhen oder muskulären Defiziten gesucht. Diese Faktoren spielen zweifellos eine Rolle. Ein Aspekt wird jedoch erstaunlich selten berücksichtigt: die sensorische Steuerung der Bewegung. Neben dem visuellen System und der Propriozeption übernimmt vor allem das vestibuläre System eine zentrale Rolle in der Bewegungsorganisation des Körpers.

Das vestibuläre System: Orientierung im Raum Querschnittsdarstellung des menschlichen Ohrs mit Außenohr, Gehörgang, Trommelfell, Mittelohr (mit Gehörknöchelchen: Hammer, Amboss, Steigbügel), Eustachischer Röhre, Innenohr (Schnecke, Bogengänge) und Nerven.

Das vestibuläre System befindet sich im Innenohr und besteht aus zwei funktionellen Komponenten:

  • den Bogengängen, die Drehbewegungen des Kopfes registrieren
  • den Otolithenorganen, die lineare Beschleunigungen und Lageveränderungen wahrnehmen

Diese Informationen werden in Bruchteilen von Sekunden an das Gehirn weitergeleitet und dort mit visuellen und propriozeptiven Signalen integriert. Das Ergebnis ist eine stabile Orientierung im Raum sowie eine präzise Kontrolle von Gleichgewicht, Kopfstabilität, Augenbewegungen und Körperhaltung – und damit auch der Bewegungskoordination. Die zentrale Aufgabe des Systems ist letztlich das Aufrichten des Körpers gegen die Schwerkraft – sowohl in Ruhe als auch in Bewegung. Dafür muss ein permanentes An- und Entspannen zahlreicher Muskelgruppen koordiniert werden (Cullen, 2012; Forbes & Yates, 2015).

Laufen ist ein permanenter Balanceprozess

Beim Laufen befindet sich der Körper in einem ständigen Wechsel aus Beschleunigung, Flugphase und Landung. Bei jedem Schritt muss das Nervensystem entscheiden: Wo befindet sich der Körper im Raum? Wie stabil ist der Untergrund? Wie muss die Muskulatur reagieren, um den nächsten Schritt sicher zu setzen? Vestibuläre Signale tragen dabei entscheidend zur Stabilisierung von Kopf, Blick und Körperhaltung bei und beeinflussen über vestibulospinale Reflexe auch die Aktivität der Beinmuskulatur während der Fortbewegung (Dakin et al., 2013; Forbes et al., 2015).

Wenn das System nicht optimal arbeitet

Ist die Verarbeitung vestibulärer Informationen gestört oder ineffizient – beispielsweise nach Kopfverletzungen, Infektionen oder anderen neurologischen Belastungen – kann dies verschiedene Folgen haben. Studien zeigen, dass bereits nach leichten Kopftraumata Veränderungen der vestibulären Funktion und der posturalen Stabilität messbar sein können (Nacci et al., 2011). Oft fallen diese Veränderungen erst unter höherer Belastung auf, etwa wenn Laufvolumen oder Intensität steigen. Eine mögliche Reaktion des Nervensystems ist eine erhöhte Muskelspannung zur Stabilisierung, insbesondere in den Muskeln, die den Körper gegen die Schwerkraft aufrichten (Extensoren), zum Beispiel:

  • Rückenstrecker
  • Glutealmuskulatur
  • Quadrizeps
  • Wadenmuskulatur

Über viele tausend Laufzyklen können daraus asymmetrische Bewegungsmuster entstehen. Diese wiederum können zu einer eingeschränkten Laufökonomie oder zu kompensatorischen Belastungen einzelner Strukturen führen.

Schema des vestibulospinalen Trakts mit Signalen von der Kleinhirnrinde und den vestibulären Kernen zum Vorderhorn, die die Streckmuskeln (grün) aktivieren und die Beugemuskeln (rot) hemmen.

Beispiele aus der Praxis

  • Shin Splints durch veränderte Stabilisationsstrategien im Unterschenkel
  • Achillessehnenprobleme durch erhöhte tonische Belastung der Wadenmuskulatur
  • Runner’s Knee durch veränderte Hüft- und Beinachsenkontrolle
  • Rückenbeschwerden durch kompensatorische Stabilisation im Rumpf

 

Wichtig ist dabei: Eine vestibuläre Beteiligung bedeutet nicht, dass sie immer die alleinige Ursache ist. Häufig handelt es sich um einen Baustein innerhalb eines multifaktoriellen Systems.

Warum dieser Faktor oft übersehen wird

In der klassischen Trainings- und Therapiearbeit stehen häufig strukturelle Faktoren im Vordergrund: aufarbeiten von Kraft- und Beweglichkeitsdefiziten oder die Korrektur der Statik über Schuhe, Einlagen und eine andere Lauftechnik. 

Sensorische Systeme wie das vestibuläre System sind deutlich schwieriger zu messen und werden deshalb seltener berücksichtigt. Dabei zeigt die neurowissenschaftliche Forschung seit vielen Jahren, dass Gleichgewichtssysteme eng mit motorischer Kontrolle, Haltung und Bewegungseffizienz verknüpft sind (Cullen, 2012; Forbes et al., 2015).

Ein neuer Blick auf Laufprobleme

Wenn Läufer immer wieder mit denselben Beschwerden konfrontiert sind, kann es sinnvoll sein, den Blick zu erweitern und auch die sensorische Steuerung der Bewegung zu analysieren. Dazu gehören unter anderem: vestibuläre Orientierung, Blickstabilität, Gleichgewichtskontrolle, reflexive Stabilisierung sowie die Integration visueller und propriozeptiver Signale. Die Erfahrung aus der Praxis zeigt, dass sich dadurch oft neue Ansatzpunkte ergeben – insbesondere bei Beschwerden, die auf klassische Maßnahmen nur begrenzt reagieren.

Fazit

Laufen ist nicht nur eine Frage von Kraft, Technik oder Ausdauer. Es ist in erster Linie ein hochkomplexer neurologischer Prozess, bei dem verschiedene Sinnessysteme zusammenarbeiten. Das vestibuläre System spielt dabei eine zentrale Rolle für: Orientierung im Raum, Stabilität bei dynamischer Bewegung sowie einer effizienten Bewegungsorganisation. Wird dieser Faktor in der Analyse berücksichtigt, kann dies einen wertvollen Beitrag leisten, um Laufbeschwerden besser zu verstehen und langfristig belastbarer zu werden.

Insbesondere, wenn eines der oben genannten Probleme am Bewegungsapparat vorliegt, haben wir unser spezielles NeuroScreening für Läufer entwickelt.

Literatur

Cullen KE (2012). The vestibular system: multimodal integration and motor control. Nature Reviews Neuroscience.
Dakin CJ et al. (2013). Contribution of vestibular feedback to human gait. Journal of Physiology.
Forbes PA & Yates BJ (2015). Vestibular influences on spinal motor control. Experimental Brain Research.
Forbes PA, Siegmund GP, Schouten AC, Blouin JS (2015). Task-, muscle- and frequency-dependent vestibular control of posture. Frontiers in Integrative Neuroscience.
Day BL et al. (1997). Human body-segment tilts induced by galvanic vestibular stimulation. Journal of Physiology.
Nacci A, Ferrazzi M, Berrettini S, Panicucci E, Matteucci J, Bruschini L, Ursino F, Fattori B (2011). Vestibular and stabilometric findings in whiplash injury and minor head trauma. Acta Otorhinolaryngologica Italica, 31(6), 378–389.